StadtGesundheit & neuartiges Corona-Virus

Stand: 31.03.2020

Ein neuartiges Corona-Virus (SARS-COVID-2) und die durch dieses Virus hervorgerufene Erkrankung (Coronavirus-Krankheit-2019, COVID-19) verbreiten sich weltweit und auch in Deutschland mit hoher Geschwindigkeit. Im Zuge dieser Entwicklung wurde „Gesundheit“ in diesem Frühjahr zu einem dominanten Thema, das alle Menschen und alle Lebensbereiche betrifft.

Eine AUSWAHL von WEBSEITEN vertrauenswürdiger Institutionen – wie Robert Koch-Institut (RKI), Weltgesundheitsorganisation (WHO) und European Center for Disease Control (ECDC) – mit Informationen zur Epidemiologie, Hygiene und Risikobewertung sowie Handlungsempfehlungen finden Sie HIER.

Nachfolgend versuchen wir als Team „StadtGesundheit“, eine vorläufige Einordnung der aktuellen Pandemie in den Kontext von Nachhaltiger StadtGesundheit vorzunehmen. Dabei stützen wir uns auf die Konzepte, die in den beiden ersten Bänden der Edition „Nachhaltige Gesundheit in Stadt und Region“ dargelegt sind. Dies sind insbesondere die Leitideen „Blickfelderweiterung“ (als Ergänzung zu üblichen Spezialisierungen und Differenzierungen) und sektorenübergreifender „Brückenbau“ zwischen Akteur*innen, Projekten und Prozessen. Wir fokussieren dabei auf folgende Aspekte: „Gesundheitsperspektiven“, „Health in all Policies“, „Gesundheitsschutz und Gesundheitsförderung“ und schließen mit vorläufigen Folgerungen.

(1) Gesundheitsperspektiven

Die aktuelle COVID-19-Pandemie hat Auswirkungen auf das gesamte gesellschaftliche Leben in Stadt und Land. Zum Verständnis des Geschehens und zur Herleitung schützender und gesundheitsfördernder Maßnahmen – auch für künftige Situationen ähnlicher Art – ist ein Spektrum unterschiedlicher Gesundheitsperspektiven (vgl. Editionsband 1, S. 60ff.) erforderlich:

  • Biomedizin
    In der öffentlichen Kommunikation über die Pandemie nehmen die biomedizinischen Faktoren – naheliegenderweise – einen großen Raum ein. Im Fokus dieses Teilbereichs stehen Virologie, Epidemiologie, klinische Medizin und Hygiene. Ein Grundwissen über die Bedeutung von Alter und Co-Morbidität für die Schwere des Krankheitsverlaufes liegt vor. Zur Diagnostik stehen Tests unterschiedlicher Ausrichtung zur Verfügung. Im Bereich der Prophylaxe fehlt bisher die Möglichkeit zur Immunisierung; ebenso fehlen spezifische Therapieansätze.
  • (Gesundheits-)Soziologie
    Die Auswirkungen der Pandemie betreffen das menschliche Miteinander hinsichtlich aller Lebensbereiche in hohem Maße. Unterschiedlichste Zusammenkünfte und Unternehmungen sowie der Kontakt innerhalb diverser Einrichtungen wie der Arbeitsstätte oder in Einkaufsläden sind hiervon betroffen. Diesbezüglich werden (amtliche) Empfehlungen ausgesprochen bzw. Bestimmungen festgelegt, die teilweise auf weitreichende Einschränkungen von Grundrechten hinauslaufen. Alternativen zur physischen Präsenz – am Arbeitsplatz, in der Schule usw. – kommen in großem Umfang zum Einsatz. Auf mehrfache Weise verstärkt die Pandemie bereits bestehende Ausgrenzungen.

  • (Gesundheits-)Psychologie
    Für die Übertragung des Virus von Mensch zu Mensch spielt persönliches Verhalten wie das Wahren physischer Abstände und das wirksame Händewaschen offenkundig eine große Rolle. Auch in diesem Zusammenhang werden verschiedene (amtliche) Empfehlungen und Bestimmungen ausgesprochen. Die Pandemie gibt Anlass zu persönlichen und beruflich-existenziellen Sorgen und Ängsten, welche sich sowohl auf die eigene Person als auch auf Familienangehörige und befreundete Personen beziehen. Neben einer sinnvollen Bevorratung, um häufige Versorgungsgänge zu vermeiden, sind auch überschießende Reaktionen zu beobachten. Es wird diskutiert, ob das Alltagsleben auch nach dem Abklingen der aktuellen Pandemie dauerhaft verändert sein wird.

  • (Gesundheits-)Ökonomie
    Die durch Corona-Erkrankungen verursachten Diagnose-, Behandlungs- und Versorgungkosten lassen sich derzeit noch nicht abschätzen. Es ist absehbar, dass die wirtschaftlichen Folgen, u.a. durch Produktionsausfälle und (vorübergehende) Schließungen, gravierend sein werden. Umfangreiche wirtschaftliche Hilfsprogramme werden aufgelegt, wobei sowohl die Wirksamkeit als auch mittel- und langfristige Nebenwirkungen schwer abzusehen sind.

  • Human-Ökologie
    Die human-ökologische Perspektive versucht, den komplexen und fragilen Beziehungen zwischen Menschen und ihrer Umwelt gerecht zu werden und dabei viele Teilaspekte integrativ zusammenzuführen. Bei Anwendung auf das Thema Gesundheit geht es nicht nur um Wirkungen auf Gesundheit, sondern auch um die vielfältigen Folgewirkungen von Gesundheit und Krankheit für Menschen, Umwelt und Gesellschaft. Die Corona-Pandemie illustriert die Verflechtung von Gesundheit mit allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens. Einige der zur Verlangsamung der Virus-Ausbreitung eingesetzten Schutzmaßnahmen führen als Nebenwirkung zu reduzierter Umweltbelastung. Gleichzeitig entstehen z.B. durch eine vermehrte Nutzung von Schutzkleidung ein erheblicher Ressourcenverbrauch und ein umfangreiches Abfallaufkommen.

Wenn zu gegebener Zeit ein Bild von der Gesamtwirkung der Pandemie auf die Gesellschaft in Stadt und Land zu zeichnen ist, wird es darum gehen, die unterschiedlichen Sichtweisen zusammenzuführen. Auch dabei dürfte die human-ökologische Perspektive, die der Ottawa-Charta von 1986 zugrunde liegt und den Ansatz von (Nachhaltiger) StadtGesundheit prägt, nützlich sein.

(2) Health in all Policies

Als weiteres Konzept zum Verständnis des aktuellen Geschehens ziehen wir das von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) verwendete Konzept „Gesundheit in allen Politikbereichen“ (Health in all Policies) heran. Dieses Konzept wird oftmals zu eng auf die förderlichen oder hemmenden Einflüsse bezogen, die unterschiedliche Politikbereiche wie Bildung, Arbeit und Mobilität auf die Gesundheit haben. Wie oben unter dem Spiegelpunkt Human-Ökologie bereits erwähnt, wirken die Verflechtungen von „Gesundheit“ mit allen Politikbereichen real jedoch in beide Richtungen. Im Editionsband 1 (S. 139ff.) ist für 18 Sektoren exemplarisch dargestellt, wie sich Gesundheit und ihr Fehlen auf eine Vielfalt von Stadtsektoren auswirken kann (Auszug: Abb. A).

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Abb. A: Health in all Policies: Bezüge von Stadtsektoren zu Gesundheit (und Nachhaltigkeit); aus Editionsband 1, S. 139.

Die aktuelle COVID-19-Pandemie belegt mit aller Deutlichkeit, wie außerordentlich weitreichend diese Auswirkungen sein können, u.a. für die (dargestellten) Stadtsektoren, die Justiz, die Arbeitswelt, die (Stadt-)Ökonomie, den Verbraucherschutz und Verkehr, Bildung und Erziehung, die Kommunikation, Freizeit, Soziales oder Sport. Die Pandemie zeigt auch, dass neben bestehenden Gesundheitseinschränkungen bereits das Potenzial ihres Entstehens (als Ansteckungsgefahr) solche gravierenden Folgewirkungen zeigen kann.

(3) Gesundheitsschutz und Gesundheitsförderung

Zu den traditionellen Aufgaben des Öffentlichen Gesundheitsdienstes gehört der Schutz vor konkreten gesundheitlichen Gefahren, einschließlich Infektionsschutz; hierzu können – wie jetzt allseits zu spüren ist – weitreichende Anordnungen in Kraft gesetzt werden. Traditionell fokussieren die Diskussionen der Gesundheitswissenschaften oft darauf, dass Gesundheit mehr ist als die Abwesenheit von Krankheit; entsprechend rücken Überlegungen zu gesundheitsfördernden Ressourcen in den Vordergrund. Die aktuelle Entwicklung macht deutlich, dass auch Gesundheitsschutz kein antiquiertes Konzept darstellt. Neue Formen der Verbindung zwischen Gesundheitsschutz und -förderung werden gefragt sein.

In welchem Maße ist das Thema „Infektionskrankheiten“ in der bisherigen Konzeption von StadtGesundheit bereits präsent? Im Editionsband 2 werden u.a. der öffentliche Gesundheitsdienst (Kap. 3.4), der Hafen- und Flughafenärztliche Dienst (in Kap. 3.5) sowie die präventive Infektologie (Kap. 6.7) angesprochen. Das Gesundheitsamt „setzt […] Bundesgesetze wie das Infektionsschutzgesetz um und stellt bei infektiösen Lagen […] nicht nur die erste Ansprechstation dar, sondern trägt auch zur Krisenbewältigung bei. […] Der Bereich des Infektionsschutzes stellt einen elementaren Bestandteil im Aufgabenspektrum eines Gesundheitsamtes dar.” (S. 137). Im hafen- und flughafenärztlichen Dienst ist es „notwendig, […] neue Infektionserreger wie SARS […] zu erkennen.“ (S. 147). „Infektionskrankheiten sind wegen ihrer Übertragbarkeit von Mensch zu Mensch (oder auch von Tier zu Mensch) traditionell besonders gefürchtet, tragen auch in Europa weiterhin zur Krankheitslast bei und dürften diese Rolle ungeachtet gewisser Verschiebungen in absehbarer Zukunft nicht verlieren“ (S. 315).

Wie sich zeigt, wird eine Pandemie wie die aktuelle Corona-Verbreitung, für das gesundheitliche Versorgungssystem zu einer bedeutenden Herausforderung; insbesondere dann, wenn von vornherein zu wenig Fachpersonal vorhanden ist und ein Teil der Fachkräfte dann z.B. wegen Erkrankung oder Quarantäne nicht in gewohntem Maße verfügbar ist. Die gegenwärtige Pandemie belegt die Notwendigkeit, die übertragbaren Krankheiten nicht als ein Thema der Vergangenheit zu verkennen, sondern die Beherrschung von Infektionskrankheiten permanent als einen wichtigen Bestandteil von StadtGesundheit anzuerkennen. Daher gilt es, sowohl die Vorbeugung gegenüber diesen Erkrankungen als auch den Umgang mit Epidemien / Pandemien – im Rahmen einer integrativen, human-ökologischen Perspektive stetig mitzudenken.

Vorläufiges Fazit

  • Infektionskrankheiten bleiben ein ernstzunehmendes Thema für die Menschheit; von einer vollständigen Verdrängung durch chronische Krankheiten kann – auch in Mitteleuropa – nicht die Rede sein. Programme der Prävention, Gesundheitsförderung und -bildung sowie StadtGesundheit benötigen daher auch Elemente der Infektionsprophylaxe und -früherkennung sowie für den Umgang mit Seuchenlagen.
  • Eine integrierende, human-ökologische Gesundheitsperspektive, wie sie der Konzeption von StadtGesundheit zugrunde liegt, kann helfen, die vielfältigen gesellschaftlichen Auswirkungen der COVID-19-Pandemie zu verstehen. Gleichzeitig gibt diese Pandemie Anlass zu einem umfangreichen „Nacharbeiten“ – z.B. zur weiteren Verdeutlichung der Auswirkungen von fehlender bzw. gefährdeter Gesundheit auf die Gesellschaft.


– Dieser Text beruht in Teilen auf dem Eintrag vom 11.03.20, www.rfehr.eu

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Literatur

  • Fehr, R., Hornberg, C. (Hrsg.) (2018): Stadt der Zukunft – Gesund und nachhaltig. Brückenbau zwischen Disziplinen und Sektoren. Edition Nachhaltige Gesundheit in Stadt und Region, Band 1. Oekom Verlag, München, ISBN 978-3-96238-074-8, mit Kapitel 6: Nachhaltige StadtGesundheit als “Blickfelderweiterung” und “Brückenbau” (S. 131-167)
  • Fehr, R., Trojan, A. (Hrsg.) (2018): Nachhaltige StadtGesundheit Hamburg. Bestandsaufnahme und Perspektive. Edition Nachhaltige Gesundheit in Stadt und Region, Band 2. Oekom Verlag, München, ISBN 978-3-96238-059-5